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Bürger beteiligen – aber wie? - Workshop des Innovators Club diskutiert das Thema „Bürgerbeteiligung 2.0“
Einer der zentralen Inhalte politischer Diskussionen in jüngster Zeit ist das Thema Bürgerbeteiligung. Spätestens seit den Protesten rund um „Stuttgart 21“ ist klar geworden, dass Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden wollen und sich nicht vor vollendete Tatsachen gestellt fühlen möchten. In diesen Diskussionen hat es häufig den Anschein, als seien solche Beteiligungsangebote ein völlig neuer Ansatz. Doch das stimmt nicht. Eigentlich stellt die Einbeziehung der Bürgerschaft ein Grundprinzip der Kommunalpolitik dar. Bürgerbeteiligungsverfahren existieren bereits in unterschiedlichen Ausprägungen, von Informationsveranstaltungen bis hin zu förmlichen Anhörungsverfahren. Es wird zunehmend deutlich, dass diese etablierten Vorgehensweisen von der Bevölkerung immer weniger angenommen werden. Daher stehen Städte und Gemeinden vor der Herausforderung, neue Wege zu beschreiten, um wirkliche Beteiligung zu erreichen.
Im Mittelpunkt steht also nicht die Frage, ob es mehr Bürgerbeteiligung geben soll, sondern wie neue Partizipationsformen aussehen sollen und welche Erwartungen an sie geknüpft werden. Dabei bietet die Nutzung des Internet als schnelles und unkompliziertes Kommunikationsmedium mannigfaltige Möglichkeiten. Bürgerinnen und Bürger können sich über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter und andere Web 2.0 Anwendungen jederzeit an politischen Diskussionen beteiligen und ihre Vorstellungen und Ideen einbringen.
Der
Innovators Club des DStGB hat sich bereits während seines letzten
Deutschlandforums mit dieser Thematik beschäftigt. Im Rahmen eines
Workshops im Herbst 2011 in Berlin widmete sich die kommunale
Ideenschmiede nun ausschließlich dieser Frage. Unter dem Titel
„Bürgerbeteiligung 2.0 – Vom Wutbürger zum konstruktiven Mitgestalter“
diskutierten Mitglieder des Innovators Club über Chancen und
Herausforderungen der Online-Partizipation. Die Veranstaltung wurde von
Experten aus Unternehmen, die bereits über fundierte Erfahrungen mit
Online-Beteiligungsinstrumenten verfügen, unterstützt.
Jochen
Leuffen, Geschäftsführer der Agentur think2know und ausgewiesener
Spezialist in Sachen Bürgerbeteiligung, übernahm die Moderation des
Workshops. Anhand einer Analyse der Kommunikationsstrategien der
beteiligten Akteure während der Auseinandersetzung um „Stuttgart 21“ gab
er einen ersten Hinweis auf die Bedeutung eines engen Zusammenwirkens
von Bürgern und Verwaltung. Dies könne ein Schlüssel für eine bessere
Akzeptanz solcher Projekte sein.
Einen Überblick über bereits
bestehende und erfolgreich eingesetzte Online-Beteiligungsinstrumente
vermittelten Thomas Krämer und Christoph Okpue. Sie sind Geschäftsführer
von ontopica, einem Unternehmen, das sich bereits seit vielen Jahren
mit dem Einsatz und der Entwicklung derartiger Anwendungen befasst. Die
Palette an Einsatzmöglichkeiten ist groß. Sie reicht von konkreten
Fachverfahren, wie etwa Lärmaktionsplanungen, über die immer häufiger
eingesetzten Bürgerhaushalte bis hin zu kontinuierlichen
Beteiligungsangeboten. Bei diesen permanenten Angeboten können
Bürgerinnen und Bürger beispielsweise Fragen an den Bürgermeister
formulieren oder über Fragenvorschläge abstimmen. Die Fragen, die die
meisten Stimmen bekommen, werden dann vom Bürgermeister direkt online
beantwortet. So wird ein unmittelbarer und nachvollziehbarer
Kommunikationskanal zwischen Bürgern und Verwaltung eröffnet.
Für
Städte und Gemeinden sind Informationen über die immer schneller und
spontaner ablaufenden Diskussionen in den sozialen Medien des Netzes von
wachsender Bedeutung. Auf diese Weise können sie auf Meinungsäußerungen
in Blogs und auf Plattformen reagieren und mit den Verfassern in Dialog
treten. Heidi Bartz und Markus Tofote, Experten des Unternehmens IBM,
stellten mit der „Social Media Analyse (SMA)“ eine speziell für diese
Zwecke entwickelte Anwendung vor. Anhand des Beispiels der Stadt Ulm
konnten sie demonstrieren, welche politischen Themen in welchem Umfang
und mit welcher Intention an den „virtuellen Stammtischen“ diskutiert
wurden.
Breites Spektrum von Beteiligungsmöglichkeiten
Während
der intensiven Diskussionen des Workshops wurde schnell deutlich, dass
sich unter dem Begriff „Bürgerbeteiligung“ eine Vielzahl
unterschiedlicher Möglichkeiten und Ansätze einordnen lassen. Dabei
reicht die Bandbreite von umfassenden, offenen Partizipationsangeboten
bis hin zu konkreten Beteiligungsverfahren bei Planungen oder
Bauprojekten.
Offene Partizipationsangebote zielen vor allem
darauf ab, das Wissen und die Kreativität der Bürgerinnen und Bürger zum
Wohle der Stadt oder Gemeinde zu nutzen. Über Ideenbörsen und
Beteiligungsplattformen werden Vorschläge, Anregungen und Beschwerden
entgegengenommen und ein konstruktiver Dialog über die zukünftige
Gestaltung der Kommunen begonnen. Auf diese Weise kann die Aktivierung
bislang brachliegender Potentiale zum Wohle der Stadtpolitik gelingen.
An
konkreten Vorhaben orientierte Beteiligungsverfahren sind zeitlich
begrenzt und setzen zu einem späteren Zeitpunkt des politischen
Prozesses an. Pläne oder Vorschläge für ein konkretes Vorhaben liegen
bereits „auf dem Tisch“. Hier können Angebote zur Bürgerbeteiligung
einen wertvollen Beitrag zur Transparenz und damit zur Akzeptanz
leisten. Den Betroffenen werden in einem ersten Schritt alle Fakten zu
den geplanten Vorhaben online verfügbar gemacht. Dies kann zur
Versachlichung der Diskussion beitragen und gibt Bürgerinnen und Bürgern
die Gelegenheit, konkrete Optimierungsvorschläge einzubringen. Als
bedeutend wurde in diesem Zusammenhang angesehen, dass ausreichend
Gestaltungsspielräume für eine wirkliche Beteiligung vorhanden sind und
es sich nicht um eine schlichte „schwarz-weiß“-Entscheidung handelt.
Arbeitsgruppen zu Grundlagen von Beteiligungsverfahren
Im
weiteren Verlauf des Workshops des Innovators Club erarbeiteten die
Teilnehmer in zwei Arbeitsgruppen gemeinsam erste Grundlagen für
kommunale „Beteiligungsverfahren 2.0“. Beiden Gruppen lag das fiktive
Szenario einer Stadt mit unter 75.000 Einwohnern zugrunde. Die erste
Gruppe hatte dabei die Aufgabenstellung, den Prozess der
Leitbildentwicklung unter Einbeziehung der Bürgerschaft zu konzipieren,
also ein eher offenes Beteiligungsverfahren. Die Aufgabenstellung der
anderen Arbeitsgruppe war an einem konkreten Planverfahren orientiert:
Sie befasste sich mit der Einbindung der Bevölkerung beim geplanten
Neubau eines Stadttheaters.
Die Zusammenarbeit in beiden
Gruppen war in vier Bereiche gegliedert: Verwaltung, Technik,
Projektbeteiligte und Öffentlichkeitsarbeit. Auf der Ebene „Verwaltung“
ging es unter anderem um gesetzliche Rahmenbedingungen,
Ressortzuständigkeiten oder das veranschlagte Budget. Im Bereich
„Technik“ fanden sich Aspekte wie Datenschutz, geeignetes Bedienpersonal
oder die Frage nach der organisatorischen Einbindung externer
Dienstleister. Unter dem Punkt „Projektbeteiligte“ standen unmittelbar
Betroffene, strategische Partner und potentielle Gegner zur Diskussion.
Der Komplex „Öffentlichkeitsarbeit“ fasst schließlich Punkte wie
Transparenz, Erwartungshaltungsmanagement und mögliches Krisenpotential
zusammen. Die Gliederung in diese Bereiche diente dazu, die Ergebnisse
der Arbeitsgruppen so zu strukturieren, dass sie einen ersten Schritt
auf dem Weg zu einer „Roadmap“ für kommunale Beteiligungsverfahren
darstellen.
Anhaltspunkte für Online-Partizipationsangebote
Auch
wenn auf dem Workshop das Thema aufgrund seiner zahlreichen Facetten
nicht abschließend behandelt werden konnte, lieferten die Arbeitsgruppen
dennoch wertvolle Anhaltspunkte für beide Arten von
Beteiligungsverfahren:
- Im Bereich „Verwaltung“ wurde
unter anderem festgestellt, dass bestehende Beschlüsse, Gesetze und
Vorschriften zu Beginn des Verfahrens klar artikuliert werden müssen, um
den Umfang der Beteiligung transparent zu machen. Soweit zulässig
sollten der Bürgerschaft alle Informationen zum Vorhaben zur Verfügung
gestellt werden. Außerdem sollte eine frühzeitige umfassende Beteiligung
von Rathaus und Verwaltung angestrebt und nach Möglichkeit ein
angemessenes Budget verfügbar gemacht werden. Schließlich wurde die
Einbeziehung eines professionellen, unabhängigen Moderators für sinnvoll
erachtet.
- Auf der Ebene „Technik“ war ein wesentlicher
Aspekt, dass eine geeignete Beteiligungssoftware angeschafft bzw.
genutzt werden sollte. Idealerweise bildet diese Lösung die Prozesse so
online ab, wie sie in einem kleinen Ort kommunikativ auch „offline“
ablaufen würden. Außerdem wurde ein abteilungsübergreifendes Team zur
Durchführung des Projektes angeregt. Dieses sollte mit
Entscheidungsbefugnissen ausgestattet sein. Als weiterer wichtiger Punkt
wurde festgehalten, dass das Rathaus die zentrale Anlaufstelle für die
Beteiligung sein sollte.
- Bei „Projektbeteiligten“
erarbeiteten die Gruppen den Vorschlag, regionale Betriebe und
Initiativen in die Vorhaben einzubinden. Lokale Medien sollten zudem
nicht nur als kritische Wegbegleiter, sondern auch als strategische
Partner, etwa über Medienkooperationen, einbezogen werden. Um die
Erwartungshaltung und mögliche Krisenpotentiale im Blick zu behalten
wurde außerdem ein permanentes genaues Beobachten der
Online-Diskussionen als wichtig angesehen.
- Für den Komplex
„Öffentlichkeitsarbeit“ kam aus den Arbeitsgruppen der Vorschlag, diesen
Bereich thematisch weiter zu fassen, da auch die „Werbung“ für das
Projekt in die Verwaltung hinein als bedeutend angesehen wurde. So
könnte eine motivierte Beteiligung der Mitarbeiter erreicht werden. Um
die notwendige Aufmerksamkeit für ein Projekt zu erzielen wurde die
Gewinnung einer möglichst großen Anzahl von Multiplikatoren für wichtig
erachtet. Außerdem sollte der Bürgermeister die Beteiligung ankündigen
und den Prozess aktiv, etwa durch Kommentare, begleiten.
Lokale Besonderheiten berücksichtigen
Insgesamt bestand in der abschließenden Diskussion Einigkeit darüber, dass die erarbeiteten Punkte nur einen Ausschnitt aus dem Spektrum an möglichen und notwendigen Schritten auf dem Weg zu einer erfolgreichen „Bürgerbeteiligung 2.0“ darstellen. Letztlich sind bei allen Verfahren lokale Besonderheiten von entscheidender Bedeutung, von der Art des Vorhabens bis hin zur Einwohnerzahl der Stadt oder Gemeinde. Jede Situation verlangt nach eigenen spezifischen Antworten, die nur vor Ort und am konkreten Fall gegeben werden können. Dennoch stellen die erarbeiteten Ergebnisse einen Katalog an Kriterien dar, die bei Online-Partizipationsverfahren in die Entscheidungsfindung einbezogen werden können. Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Abschlussdiskussion war die hohe Symbolwirkung, die solchen Verfahren zugebilligt wird. Oftmals kann eine solche Geste des aktiven Zugehens auf die Bevölkerung auch bei bereits bestehenden Konflikten dazu beitragen, die Wende hin zu einem konstruktiven Dialog einzuleiten.
Der Innovators Club plant gemeinsam mit den beteiligten Partnern, das erstmals erprobte Workshop-Angebot weiteren Interessenten anzubieten, um die erzielten Ergebnisse zu schärfen, zu verbessern und den Städten und Gemeinden zur Verfügung zu stellen. Denn in einem Punkt waren sich alle Beteiligten einig: Das Thema „Bürgerbeteiligung 2.0“ wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen.






Berlin, 19.04.2012







