Aktuelles
Die Teilnehmer als Experten - Innovators Club diskutiert Ideen für die grüne Stadt von morgen
Die Energiewende in Deutschland ist beschlossene Sache. In Zukunft soll Deutschland auf regenerative Energiequellen setzen. Moderne Stadtplanung basiert daher vermehrt auf ökologischen Grundsätzen. Die Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen beginnt insbesondere vor Ort. Während Kohle- und Kernkraftwerke Großtechnologien sind, die in der Regel von großen Konzernen gebaut und betrieben werden, ist die Energieversorgung der Zukunft kleinteiliger und damit dezentraler. Kleine Kraftwerke, die einige Häuserblocks versorgen, Sonnenkollektoren auf öffentlichen Gebäuden, das eigene Klein-Windrad im Garten – Möglichkeiten gibt es viele. Diese zu formulieren, miteinander zu diskutieren und neue Lösungsansätze in den Diskurs einzuspeisen, war Zielsetzung der BarCamp-Veranstaltung „Green City 2020. Gemeinsam die grüne Stadt von morgen entwickeln“. Der Innovators Club des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB) hatte Teilnehmer aus ganz Deutschland ins Zentrum für Umweltkommunikation der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) nach Osnabrück eingeladen. Innovativ war auch das offen konzipierte Veranstaltungsformat. Die Teilnehmer fungierten als ‚Programmgestalter‘ und entwarfen unter der Moderation des erfahrenen „Zukunftslotsen“ Moritz Avenarius selbstständig die Agenda für die einzelnen Workshops des BarCamp. Die Veranstaltung, deren wissenschaftliche Dokumentation die Universität Osnabrück übernommen hatte, wurde von der DBU gefördert.
Dr.
Fritz Brickwedde, Generalsekretär der DBU, eröffnete das BarCamp und
wies dabei auf die zahlreichen Fördermöglichkeiten der Stiftung auch für
kommunale Projekte hin. Als einen zentralen Schwerpunkt hob er die
energetische Sanierung kommunaler Gebäude hervor. So habe die DBU die
erste Schule mit Passivhausstandard in Baden-Württemberg oder aber die
energetische Sanierung des Rathauses in Aschaffenburg gefördert.
Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des DStGB, legte den Fokus auf die
Beteiligung und Einbeziehung der Bürger in einer zukünftigen „Green
City“. „Technische Innovationen können natürlich zur Nachhaltigkeit
beitragen, letztlich ist es jedoch zentral, dass die Menschen ihrer
Lebensstil ändern“, sagte Habbel. „Der demographische Wandel,
Umweltprobleme oder Ressourcenmangel fordern uns alle heraus.“ Es sei
dabei von Bedeutung, dass Städte und Gemeinden ihre Bürger mit
einbeziehen und diese als ‚Co-Produzenten‘ in Verwaltungsabläufe
integrieren. Neue Herausforderungen würden dabei die Etablierung
neuartiger Strukturen und Prozesse erfordern.
Detlef Gerdts, Leiter des Fachbereiches Umwelt der Stadt Osnabrück, stellte anschließend den Masterplan 100 % Klimaschutz für Osnabrück vor. Zielsetzung ist die CO2-Reduktion um 95 Prozent sowie eine Energieeinsparung um 50 Prozent bis 2050 im Vergleich zu 1990. Der Plan basiert auf einer länderübergreifenden Zusammenarbeit zwischen der Stadt, dem Umland, dem Landkreis Osnabrück, dem Kreis Steinfurt und der Stadt Rheine. Als zentrale kommunale Arbeitsfelder hob Gerdts unter anderem eine klimagerechte Stadtplanung, E-Mobilität oder städtische Energiewirtschaft vor. Abschließend stellte er einzelne Projektfelder der Stadt Osnabrück vor.
Alle Akteure in Veränderungen einbinden
Die Bedingungen, die für den Erfolg eines angestrebten Wandels einer Stadt oder Gemeinde hin zur Green City erfüllt sein müssen, erläuterte im Anschluss Dr. Kora Kristof, Leiterin der Grundsatzabteilung des Umweltbundesamtes. Neben einer mitreißenden Veränderungsidee und einer klaren Strategie zu deren Umsetzung, sei es entscheidend, etwaige Widerstände nicht zu bekämpfen, sondern im Gegenteil für sich zu nutzen. Es gelte, gemeinsam unter Einbindung aller Akteure Veränderungsprozesse anzustoßen: „Wir brauchen eine ‚Wir-Kultur‘“, sagte Kristof. Nur darüber könne man die Idee einer immissionsneutralen und ökologisch gerechten Stadt der Zukunft auch realisieren.
In der anschließenden Podiumsrunde diskutierten die bereits genannten Referenten mit Thorsten Bullerdiek, Sprecher des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes, Professor Ralf Kleinfeld von der Universität Osnabrück und Sine Schnitzer, Vertreterin der BUND-Jugend, unter der Moderation von Franz-Reinhard Habbel mögliche Wege hin zur „Green City 2020“. Schnitzer hob hervor, dass sich Städte in erster Linie durch ihre Einwohner auszeichnen. „Daher sind transparente und effektive Beteiligungsverfahren von Nöten“, so Schnitzer. Auch Bullerdiek betonte, dass man den Weg von der Verwaltungsdemokratie hin zur Bürgerdemokratie einschlagen müsse. Allerdings sei auch die Eigeninitiative der Bürgerinnen und Bürger bedeutend, so Bullerdiek. „Es können Genossenschaften gebildet werden, jeder Einzelne kann ins eigene Windrad investieren oder selbstständig Grünflächen anlegen und diese pflegen. Ein solches Engagement muss gefördert werden.“
Konferenzteilnehmer als Programmgestalter
Bis
zu diesem Zeitpunkt erlebten die angereisten Teilnehmer eine
Veranstaltung in einem Format, das Ihnen aus vielen Konferenzen bekannt
gewesen sein dürfte: Hochkarätige Referenten, wegweisende Gedanken und
wertvolle Praxisbeispiele. Was das BarCamp „Green City 2020“ aber zu
einer ganz besonderen Zusammenkunft machte, war das innovative
Veranstaltungsformat. Ab diesem Zeitpunkt der Konferenz agierten die
Teilnehmer als Experten und Referenten. Die anwesenden Vertreter der
öffentlichen Verwaltung, der Wissenschaft, Wirtschaft und die
zahlreichen zivilgesellschaftlichen Akteure nahmen ihre Rolle als
gestaltende Akteure im Konferenzgeschehen ein.
Das Format der
Veranstaltung, ohne vorher festgelegte Agenda auf das Wissen, die
Expertise und das Engagement der Konferenzteilnehmer zu setzen, ist bis
dato im öffentlichen Sektor wenig erprobt. Umso mehr waren Veranstalter
und Teilnehmer auf den weiteren Verlauf der Veranstaltung gespannt.
Welche Vorschläge für Arbeitsgruppen aus dem Plenum würden eingebracht
werden? Würde das Experiment, einmal eine Konferenz zu veranstalten, auf
der alle Anwesenden gleichberechtigte Experten sind, aufgehen?
In einer Atmosphäre aus Neugierde, Motivation und vielleicht ein wenig Skepsis begann die zentrale Phase des „Sessionplanning“ unter Moderation von Moritz Avenarius. Teilnehmer, die ein Thema für eine Session bereithielten, konnten dieses in einmütigen Kurzvorstellungen dem Plenum darlegen. Die Vielfalt der durch die Sessioninhaber dargestellten Themen rund um die Green City war dabei beeindruckend. So wurden in vier Sessionphasen insgesamt 16 Workshops durchgeführt. Von der Idee eines Klimasparbuchs, Perspektiven von Mobilität im Jahr 2030, Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung, Energieeffizienter Stadtbeleuchtung, Nachhaltigkeit in der Öffentlichen Beschaffung bis hin zu Konzepten von „Green Energy 2020“ reichte das Angebot.
Große thematische Vielfalt in den Workshops
Nico Mehl und Christian Reining von den Stadtwerken Osnabrück widmeten sich beispielsweise dem Thema „Mobilität 2030“ und stellten zu Beginn des Workshops das städtische Mobilitätskonzept vor. Dieses setze insbesondere auf eine effektive Kommunikationsstrategie, so Mehl. Man müsse den Bürger möglichst früh in den Veränderungsprozess einbeziehen und nach den jeweiligen Bedürfnissen sowie Vorstellungen fragen. Weiterer wichtiger Baustein des Konzeptes sei zudem ein ‚car-sharing‘-Modell. Das Sessionplenum diskutierte anschließend inwieweit es möglich sei, die Qualität öffentlicher Verkehrsmitteln durch Design und moderne Optik zu erhöhen und wie man weitere Anreize zur Nutzung schaffen könne. Einigkeit herrschte in dem Punkt, dass es bedeutend sei, möglichst alle Bevölkerungsgruppen anzusprechen. Zielsetzung sollte es – dem Schweizer Modell gleich – sein, dass auch Geschäftsführer oder Vorstandsmitglieder öffentliche Verkehrsmittel rege nutzen und bisherige Autofahrer auf Bahn und Busse umsteigen.
In
einem weiteren Workshop standen unter der Durchführung von Herbert
Brüning, Leiter des Fachbereichs Umwelt Stadt Norderstedt, und Luka
Peters, E-Learning-Experte, Möglichkeiten zur wirksamen
Bürgerpartizipation unter anderem durch gezielte Bildungsmaßnahmen im
Mittelpunkt. Zunehmend würden Partizipationsprozesse gefordert.
Partizipation mache jedoch zusätzliche Arbeit, erst recht wenn sie spät
einsetze und vorliegende Arbeitsergebnisse in Frage stelle, so Brüning
einleitend. Daher sei die Entwicklung wirksamer Vorab- Strategien von
enormer Bedeutung. Unverzichtbare Voraussetzung für eine sinn- und
wirkungsvolle Beteiligung der Öffentlichkeit sei zudem ein
Grundverständnis über die maßgeblichen Probleme und
Lösungsmöglichkeiten. Hierfür sei ein angemessenes Bildungsangebot zu
unterbreiten, so Peters. Im Plenum formulierten die Sessionteilnehmer
weitere effiziente Bürgerbeteiligungsmaßnahmen. „Entscheidend dafür sind
engagierte „Veränderungsmanager/-innen“, ganz gleich ob sie aus
Politik, Verwaltung oder Zivilgesellschaft heraus Einfluss nehmen“,
bilanzierte Brüning.
Christine Förster, Marketing und Tourismus GmbH der Stadt Osnabrück, organisierte wiederum einen Workshop unter dem Schwerpunkt „Grüne Veranstaltungen“. In einer Konferenz werde in der Regel so viel CO2 ausgestoßen, wie ein einzelner Mensch jährlich verbraucht, so Förster. Mit gezielten, nach ökologischen Grundsätzen ausgerichteten, Änderungen im Veranstaltungsmanagement könne der CO2-Ausstoß allerdings, wenn auch nicht vollständig verhindert, so doch wesentlich reduziert werden. „Es gibt viele Optionen: das fängt bei den Einladungen an, geht über die Anreise, bis hin zum Catering oder den Materialien bei der Tagung“. So könne man in den Einladungspreis beispielsweise Zugtickets integrieren. Das würde für die Teilnehmer den Anreiz liefern, mit der Bahn zum Tagungsort zu fahren, so Förster. Anschließend diskutierten die Workshopteilnehmer verschiedene Maßnahmen und tauschten praktische Erfahrungen mit bisherigen Veranstaltungsformaten aus. „Vieles davon sind kleine Maßnahmen, aber wenn man klein anfängt, kann man auch eine Menge bewirken“, resümierte Förster.
Positive Resonanz und kreative Ergebnisse
Die außergewöhnliche Tagung endete mit der Vorstellung der zahlreichen Ergebnisse aus den Workshops vor allen BarCampern. Dabei zeigte sich, dass die anfängliche Skepsis unbegründet war und sich vielmehr die positiven Erwartungen bestätigten. „Ich fand das sehr eindrucksvoll wie wenig Organisation wir brauchen, um trotzdem eine Fülle von Ergebnissen zusammentragen zu können“, resümierte Sessioninitiator Herbert Brüning. Amelie Thomé, Projektleiterin Klimasparbuch oekom e.V., äußerte sich ebenso überzeugt: „Ich habe gelernt, dass eine Tagesordnung nicht unbedingt nötig ist, dass ein so freies Format sehr viel Raum gibt, um Ideen zu spinnen und viele Gespräche zu führen.“
Fest steht, dass die grüne Stadt von morgen viele Herausforderungen birgt, deren Bewältigung durch das Formulieren von möglichen Wegen und einem gemeinsamen Vorgehen jedoch leichter fallen kann. Von zentraler Bedeutung ist es dabei den Bürger in die Prozesse einzubinden, ihn mitzunehmen und die Bedeutung der „grünen Stadt“ zu transportieren. Die besten Ideen nützen nicht, wenn sie in der Praxis keine Anwendung finden und für die Bürgerinnen und Bürger nicht vermittelbar sind. Gemeinsam mit allen beteiligten Akteuren über Lösungen nachzudenken und Maßnahmen zu finden, ist daher ein erster wichtiger Schritt auf einem langen Weg.






Berlin, 19.04.2012







