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„Die Zukunft ist aus Glas“ - Breitband als Fundament der vernetzten Stadt

Innovators Lounge Ulm
„Die Zukunft ist aus Glas“ - Breitband als Fundament der vernetzten Stadt

Über die Bedeutung einer leistungsfähigen Breitbandinfrastruktur sowie konkrete Handlungsoptionen für Städte und Gemeinden diskutierten rund 100 Teilnehmer auf der Innovators Lounge des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen dabei die Aktivitäten der Stadtwerke Ulm, die den Glasfaserausbau konsequent vorantreiben. Bei der Lounge, die Anfang Februar im Ratssaal der Stadt Ulm stattfand, wurde deutlich: Mittel- und langfristig wird eine Breitbandinfrastruktur auf Glasfaserbasis erforderlich sein, um „schnelles Internet“ auch in den ländlichen Regionen zu gewährleisten. 

Ratssaal Stadt Ulm
Die Anbindung an Breitbandnetze ist ein entscheidender Standortfaktor für Kommunen. Fehlt diese Infrastruktur, entstehen nicht nur der lokalen Wirtschaft und der Verwaltung, sondern auch den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort erhebliche Nachteile. Der derzeitige Mangel an Hochgeschwindigkeitsnetzen trifft daher den Lebensnerv von Städten und Gemeinden insbesondere in ländlichen Regionen.

Legt man die heute als untersten Mindeststandard angesehene Übertragungsgeschwindigkeit von 2 MBit/s zugrunde, existiert in weit über 1000 Städten und Gemeinden keine oder nur eine rudimentäre Versorgung mit schnellen Datenleitungen. Hinzu kommt, dass diese Übertragungsgeschwindigkeit in absehbarer Zeit nicht mehr ausreichen wird. Nach einer Studie des Unternehmens Cisco aus dem Jahr 2010 wird sich der weltweite Datenverkehr bis zum Jahr 2014 vervierfachen. Für Deutschland wird sogar eine Steigerung von 500 Prozent vorausgesagt. Um diesen Datenmengen gewachsen zu sein, bedarf es flächendeckend besonders leistungsfähiger Netze. Übertragungsgeschwindigkeiten von 50 MBit/s oder mehr werden schon in wenigen Jahren die Grundversorgung darstellen.

Viele Kommunen suchen vor diesem Hintergrund nach Lösungen, um den Breitbandausbau zügig voranzutreiben und diskutieren vermehrt über einen Ausbau in Eigenregie. Die Notwendigkeit schneller Internetleitungen ist in Städten und Gemeinden seit langem erkannt und das Interesse am Ausbau groß. Allerdings bedeutet ein solches Vorhaben insbesondere in finanzieller und organisatorischer Sicht große Herausforderungen. Diese sind gerade für kleine Kommunen im ländlichen Raum nur schwer zu bewältigen.

„Pioniere der vernetzten Stadt“

Dass die Stadt Ulm „Pioniergeist“ hervorbringt, zeigt sich bereits an Albert Einstein, der dort am 14. März 1879 geboren worden ist. Beispielhaft schreiten die Städte Ulm und Neu-Ulm auch rund 130 Jahre später mit ihrer „Internet-Offensive 2012“ und dem damit verbundenen Glasfaserausbau voran. Deutlich wurde dies bereits bei der Begrüßung. Oberbürgermeister Gerold Noerenberg (Neu-Ulm) und Gunter Czisch, erster Bürgermeister der Stadt-Ulm, stellten die Strategie der beiden Städte an der Donau vor. Die SWU TeleNet GmbH, ein Tochterunternehmen der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm, forciere den Ausbau der Zukunftsinfrastruktur. Schon heute verfüge das kommunale Unternehmen über ein Glasfasernetz von rund 275 km Länge, so Czisch. Bis Ende des Jahres 2012 sollen 99 Prozent der Haushalte in den Städten an das sog. „high speed internet“ angeschlossen werden.

Czisch betonte, dass sich die Online-Welt mit Höchstgeschwindigkeit verändert. Auf diesen Wandel müsse rechtzeitig reagiert werden. Es sei daher die Aufgabe der Politik zügig Antworten auf wegweisende Fragen zu finden. Wie kann die kommunale Demokratie in der digitalen Welt des 21. Jahrhunderts funktionieren? Wie verändert sich die Stadtgesellschaft? Außerdem müssten Möglichkeiten eines wirksamen bürgerschaftlichen Engagements über soziale Medien gefunden werden.

Die beiden Städte an der Donau widmen sich bereits seit längerem diesen bedeutenden Zukunftsfragen und gehen bei der Vernetzung des Stadtlebens mit gutem Beispiel voran. Seit Ende 2010 sei ein spezielles „Ulm-App“ für iPhone und iPad verfügbar, berichtete Czisch. Mit dem „Team-Ulm.de“ bestehe in der Stadt ein regionales soziales Netzwerk, das sich großer Beliebtheit erfreut. Das Team-Ulm ist zum 10jährigen Jubiläum bereits zu einer Online-Community mit rund 471.100 Usern angewachsen und gehört damit zu einer der größten im süddeutschen Raum. Die Community fußt dabei im Wesentlichen auf zwei Säulen: Einerseits bietet die Seite umfangreiche Informationen zu Ereignissen und Veranstaltungen aller Art im Raum Ulm an. Zum Informationsangebot gehört auch die jährliche Live-Übertragung der Schwörrede des Oberbürgermeisters der Stadt Ulm. Andererseits eröffnet das Team-Ulm.de unterschiedliche Kommunikationsmöglichkeiten. Innerhalb dessen werden auch öffentliche Diskussionen zu bestimmten Themen ermöglicht. Hierüber sei die Initiierung eines Dialoges zwischen der Stadt und jungen Bürgern möglich, so Czisch.

In der Stadtverwaltung kümmere sich außerdem das „Te@m IT“ darum, dass eGovernment Lösungen entwickelt werden. Bürgerbeteiligung 2.0 sowie die allgemeine Nutzung von Web 2.0.-Technologien stünden auf der Agenda der Stadt weit oben, resümierte Czisch. Auch die Stadt Neu-Ulm investiert bis 2013 rund 1,2 Millionen Euro in neue eGovernment Lösungen. „Auf Dauer können wir es uns nicht leisten bei technischen Neuerungen außen vor zu stehen“, sagte Neu-Ulms Oberbürgermeister Noerenberg.

Schnelle Städte, langsames Land – „Digitale Spaltung“ droht

Dr. Jürgen Busse, geschäftsführendes Präsidialmitglied des Bayerischen Gemeindetages, skizzierte anschließend die herausragende Bedeutung von Breitband als Zukunftsinfrastruktur für Kommunen. Insbesondere kleine, ländliche Kommunen haben mit Blick auf den Breitbandausbau Nachteile zu befürchten. Eine Erschließung dieser Gebiete ist aufgrund der geringen Haushaltszahlen für große TK-Unternehmen nicht wirtschaftlich. Gerade im Hinblick auf den Glasfaserausbau sind diese benachteiligt. Einen Ausbau in Eigenregie können die betroffenen Städte und Gemeinden jedoch aufgrund der schlechten Haushaltslage und der hohen Kosten oftmals nicht stemmen. Ihre Erschließung wird daher zunächst über LTE erfolgen, während in den Ballungsräumen vorrangig kabelgebundene Netze ausgebaut werden. LTE stelle jedoch lediglich eine Übergangslösung dar, so Busse. Es sei allerdings zu befürchten, dass der in der Breitbandstrategie genannte Zielwert von 75 Prozent der Haushalte, die bis 2014 mit 50 MBit/s versorgt werden sollen, die „digitale Spaltung“ weiter vertiefe. Es sei nicht hinnehmbar, dass in den ländlichen Regionen Städte und Gemeinden vom schnellen Internet „abgehängt“ seien, appellierte Busse.

Städte Ulm und Neu-Ulm ergreifen die Initiative

Andreas Kövi, Geschäftsführer der SWU TeleNet GmbH, gab den anwesenden Kommunalvertretern in seinem Vortrag Einblicke in die Planung, Realisierung und Finanzierung des Glasfasernetzes. Die Kosten für einen Breitbandausbau in Eigenregie würden sich vergleichsweise schnell amortisieren, sagte Kövi. Um das Ziel der Erschließung von 99 Prozent der Haushalte mit Hochgeschwindigkeits- Internet bis 2010 umsetzen zu können, werde sein Unternehmen das Glasfasernetz in der Stadt verdichten, die bestehenden Kabelverzweiger der Telekom mit Glasfaser anbinden und in Neubaugebieten Glasfaserleitungen bis in die Gebäude verlegen („Fibre to the Home“). Außerdem würden bei anstehenden Tierbauarbeiten Leerrohre mit Glasfaser verlegt und die Anbindung der außerhalb des Innenstadtbereiches gelegenen Ortschaften vorangetrieben, referierte Kövi. Langfristig solle überdies der Aufbau von Angeboten für Bürger wie etwa Smart Metering oder weiterer Smart-Home-Funktionen vorangetrieben werden.

Ein entscheidender Vorteil des Glasfaserausbaus in Eigenregie ist, dass die Kommune oder das kommunale Unternehmen der Eigentümer der so geschaffenen Infrastruktur ist. Dies bedeutet, dass nicht nur kurzfristig ein Standortvorteil durch schnelle Datenleitungen geschaffen wird, sondern mittel- und langfristig auch Erlöse durch Vermietung der Infrastruktur oder das Angebot eigener Dienste realisiert werden können. Die Palette an möglichen Geschäftsmodellen mit der geschaffenen Infrastruktur ist groß: Sie reicht vom Angebot der unbeschalteten Leitungen (Dark Fibre) an Telekommunikationsanbieter über das „Open-Access-Modell“ (eigener Leitungsbetrieb, Angebot der Dienste durch sog. Carrier) bis hin zum eigenen Auftreten als „Service Provider“ (Angebot eigener Dienste und Mehrwertdienste). Welches Modell in Frage kommt, hängt immer auch von der Größe der Gemeinde oder des kommunalen Unternehmens sowie den vorhandenen Kapazitäten ab.

Die SWU Telenet GmbH tritt in den Städten Ulm und Neu-Ulm als „Service Provider“ auf. Sie schafft nicht nur die notwendige Infrastruktur, sondern bietet auch Dienste wie etwa Telefon und Kabel-TV an. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Steigerung des Bürgerservices in den Städten.

„Abwarten reicht nicht aus, gefordert sind individuelle Lösungsansätze“

In der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Leitung des Sprechers des DStGB, Franz-Reinhard Habbel, wurde deutlich, dass Angebote zur Information und Beratung von Städten und Gemeinden bei örtlichen Vorhaben zum Breitbandausbau dringend notwendig sind. Dietmar Ruf vom Gemeindetag Baden-Württemberg verwies daher auf die bereits seit 2004 im Land erfolgreich arbeitende Clearingstelle „Neue Medien im ländlichen Raum“. Vielen Kommunen würde eine ausreichende Kenntnis über die Möglichkeiten des Breitbandeinsatzes fehlen, die Informationsvermittlung sei daher von zentraler Bedeutung, bilanzierten die Teilnehmer der Diskussion. Das Interesse der Bürgermeister sei groß, so Dr. Karl-Peter Hoffmann vom VKU, man müsse ihnen aber effiziente Optionen und gelungene Praxisbeispiele präsentieren.

Daneben müsse beim Ausbau berücksichtigt werden, dass bereits heute schnelle Leitungen von Nöten sind. Die optische Datenübertragung über Glasfaser sei dabei schneller, leistungsstärker und weniger störanfällig als Funklösungen. Diese sind jedoch bisher wesentlich weiter verbreitet. Die vielerorts eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Netze zwingt Anbieter von Diensten, ihre Angebote in geringem Standard anzubieten. Ansonsten könnten sie von vielen Nutzern nicht in Anspruch genommen werden können. So berichtete Andreas Buchenscheit, der Geschäftsführer von Team-Ulm.de, dass Live-Videoübertragungen der Stadtpolitik oder kulturelle Ereignisse in einer sehr geringen Qualität angeboten werden müssten. Außerdem sinke zu den Hauptnutzungszeiten die Leistungsfähigkeit des Netzes für den einzelnen Nutzer signifikant. Ähnlich argumentierte Sven Matthiesen von Cisco Systems. Die Bandbreiten, über die momentan diskutiert werde, seien technisch bereits überholt und nicht ausreichend. Es gelte daher nach individuellen Lösungsansätzen zu suchen, um dem Mangel an schnellen Internetverbindungen zügig zu begegnen, betonte Matthiesen. Die Kooperation der Städte Ulm und Neu-Ulm sei dabei ein vorzeigbares Beispiel. Dass in diesen Städten ein besonders Pflaster für Zukunftsdenken und Pioniergeist vorhanden ist, hatte sich mit Einsteins Geburt vor etwa 130 Jahren ja bereits angedeutet.


(Alexander Handschuh und Sandra Strang)

© DStGB, Berlin, 17.03.2011