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Bürger in der Stadt von Morgen - Innovators Lounge diskutiert technische Innovationen und Partizipationsangebote der Zukunft

Innovators Lounge Ehningen
Bürger in der Stadt von Morgen - Technische Innovationen und Partizipationsangebote der Zukunft

Welche Perspektiven für gesellschaftliches Zusammenleben bietet die intelligente Stadt der Zukunft? Welche technischen Lösungen werden das Leben der Menschen verändern? Was dürfen die Bürger erwarten und was wird umgekehrt von ihnen erwartet? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Innovators Lounge „Perspektive Partizipation – Bürger in der Stadt von Morgen“ im Oktober 2012 in der Deutschlandzentrale von IBM in Ehningen. Im Fokus dieser Veranstaltung, die vom Innovators Club und dem Gemeindetag Baden-Württemberg ausgerichtet wurde, standen innovative Konzepte der Bürgerbeteiligung und fortschrittliche Technologiekonzepte, die in einer „Stadt der Zukunft“ zum Einsatz kommen könnten. Die Präsentation von Praxisbeispielen aus den Kommunen Metzingen und Herrenberg zeigte auf, wie die attraktive Stadt von Morgen in erfolgreicher Kooperation zwischen Bürgern und Politik gestaltet werden kann.

Michael Ottersbach  / pixelio.de
Rund 40 Teilnehmer, darunter zahlreiche Bürgermeister und Oberbürgermeister, waren auf Einladung des Innovators Club des Deutschen Städte- und Gemeindebundes und des Gemeindetags Baden-Württemberg in die Deutschland-Zentrale von IBM gekommen, um sich über Konzepte der intelligenten Stadt von Morgen zu informieren. In einer solchen „Smarter City“ bilden moderne Informations-und Kommunikationstechnologien das Fundament für Innovationen, welche die Lebensqualität der Bevölkerung entscheidend verbessern können. Intelligente technische Vernetzung kann etwa in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Energieproduktion- und verbrauch oder Mobilität zu neuen und besseren Lösungen und einer ressourcenschonenderen Politik beitragen. Technologische Modernisierung soll das Zusammenleben in einer Stadt oder Gemeinde verbessern und soziale Innovationen ermöglichen. Da der Einsatz neuartiger Technik kein Selbstzweck ist, sondern den Bürgern zugutekommt, sollten jene auch maßgeblichen Einfluss darauf nehmen, wo welche Konzepte der Vernetzung zum Einsatz kommen. Ihr Engagement kann entscheidend dazu beitragen, dass Zusammenleben in einer Kommune zu verbessern. Ihnen wird zukünftig noch stärker als bisher die Aufgabe zukommen, die Gestaltung ihres unmittelbaren Lebensumfeldes mit zu verantworten.

Zu Beginn der knapp dreistündigen Veranstaltung stellte David S. Faller, Programmmanager bei IBM, in einem kurzen Vortrag das Forschungs- und Entwicklungslabor des Unternehmens im nahe gelegenen Böblingen vor. Dabei handele es sich um das größte Forschungszentrum des Weltkonzerns in Europa. Es wurde bereits im Jahr 1953 gegründet und beschäftigt rund 1800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Insgesamt investiere IBM jährlich die Summe von sechs Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung und verfüge über das größte Portfolio an IT-Lösungen weltweit, so Faller. Dazu zählten einzigartige Innovationen wie das Projekt „Smarter Planet“, das durch intelligente Vernetzung von Informationen, Gegenständen und Prozessen zu höherer Ressourceneffizienz und insgesamt höherer Lebensqualität rund um den Globus beitragen soll.

Planet der intelligenten Städte

Ein solcher „Smarter Planet“ ist ein Planet der intelligenten Städte, skizzierte Jörg Prings, Leiter Vertrieb Geschäftsbereich öffentlicher Sektor, in seinem anschließenden Vortrag die Konzeption von „Smarter Cities“. „Städte stehen heute – gewissermaßen als Mikrokosmos – denselben zentralen Herausforderungen gegenüber wie unser gesamter Planet. In einer Stadt treffen alle vom Menschen geschaffenen Systeme aufeinander“, so Prings. Er betonte, dass zukünftig die digitale und die physische Infrastruktur immer mehr verschmelzen werden. „Unsere Welt wird digitalisiert, vernetzt und nahezu alle Dinge des täglichen Lebens werden intelligent“, wagte der Experte einen Blick in die Zukunft. Intelligente Städte würden intensiv daran arbeiten, jedes ihrer Kernsysteme, zu denen  Gesundheitswesen, Verkehrssysteme, die Versorgungsinfrastruktur oder das Dienstleistungsangebot der Behörden zählen, intelligent zu gestalten. Am Beispiel der Gebäudeeffizienz machte Prings die enormen Potenziale intelligenter Vernetzung deutlich. „Smarter Buildings können Energie- und Betriebskosten sparen und Energieverschwendung aufzeigen. Durch ein effizientes und intelligentes Gebäudemanagement, das etwa eine optimale Auslastung der Räumlichkeiten gewährleistet, sind weitere Einsparungen möglich“, so Prings. Auf diese Weise könnten technische Innovationen und intelligente Vernetzung nicht nur die kommunalen Kassen entlasten, sondern auch einen wirksamen Beitrag zu Ressourceneffizienz und Klimaschutz leisten.

Bürger in der Stadt von Morgen

Neben technischen Innovationen, die das Alltagsleben der Menschen verbessern können, stehen in einer „Stadt der Zukunft“ die Bürgerinnen und Bürger besonders im Fokus. Dies machte Roger Kehle, Präsident des Gemeindetages Baden-Württemberg, in seinem Vortrag deutlich. Er betonte, dass die Frage nach ihrer Rolle in einer Stadt der Zukunft sehr komplex sei. Einmal seien die Auswirkungen der technischen Neuerungen auf das Leben in einer Stadt und Gemeinde aus heutiger Sicht nur schwer exakt einzuschätzen. Man müsse für die einzelnen Anwendungsbereiche noch genauer analysieren, welche Bedeutung die neuen technischen Möglichkeiten für Kommunen, ihre Bevölkerung, aber auch für die Verwaltungen erlangen werden. Außerdem sei keine Kommune wie die andere, es komme immer auch auf den individuellen Charakter und die besonderen Rahmenbedingungen an. „Es gibt kein Patentrezept, das in allen Städten und Gemeinden funktioniert“, betonte Kehle.

In jedem Fall werde es in einer Stadt der Zukunft darum gehen, Bürger mehr einzubinden. „Wir werden neue Beteiligungsformen finden müssen“, so der Präsident des Gemeindetages. Allerdings dürfe nicht in Vergessenheit geraten, dass gerade die auf den ersten Blick so verlockenden Online-Partizipationsangebote sowohl Chancen als auch Risiken böten. Man erreiche die Bevölkerung zwar einerseits wesentlich leichter, andererseits fehlten häufig der Diskussionsprozess und der Austausch von Argumenten, wie er etwa auf einer Bürgerversammlung gegeben sei. Kehle gab sich insgesamt optimistisch, dass die Bürger die Zukunft ihrer Stadt und Gemeinde entscheidend mitbestimmen werden. Wichtig sei allerdings deren Bereitschaft, sich konstruktiv einzubringen und Engagement zu zeigen. Kehle zeigte sich abschließend davon überzeugt, dass es, trotz aller technischen Innovationen, in erster Linie die Bürger sein werden, die eine Stadt der Zukunft prägen.

Zukunftswerkstatt und Bürgerkommune

Dass einige Städte und Gemeinden bereits über zukunftsweisende Angebote zur Partizipation verfügen, verdeutlichte die Präsentation zweier konkreter Praxisbeispiele auf der Innovators Lounge in Ehningen. Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler stellte das Projekt „Zukunftswerkstatt Metzingen 2020“ vor. Mit diesem Konzept soll ein Prozess der kontinuierlichen aktiven Beteiligung der Bevölkerung erreicht werden. In einer Klausurtagung wurden in einem ersten Schritt von Mitgliedern des Gemeinderates und der Verwaltung sogenannte „Leitsterne“ erarbeitet, die anschließend auf einer Bürgerversammlung vorgestellt wurden. Aus dieser Versammlung heraus wurden fünf sogenannte Zukunftsteams zur Arbeit an konkreten Themenfeldern – Stadtentwicklung, Tourismus, Bildung, Umwelt und Energie sowie Infrastruktur und Verkehr – eingesetzt. In diesen Arbeitsgruppen wird an Ideen und Konzepten gearbeitet; ein erster Zwischenstand der Arbeiten wurde bereits in einer Bürgerversammlung vorgestellt und diskutiert. Die erzielten Ergebnisse sollen im Gemeinderat vorgestellt werden, der über das weitere Vorgehen entscheidet. Zudem werden die Zukunftsteams regelmäßig zu den Gemeinderatssitzungen eingeladen, um eine enge Abstimmung zu gewährleisten. Insgesamt habe man in Metzingen sehr positive Erfahrungen mit dieser Vorgehensweise gemacht. Verwaltung und Gemeinderat profitieren von der Kreativität, den konkreten Ideen und dem Wissen aus der Bevölkerung, betonte Fiedler in seinem Vortrag.

Auf dem Weg zu Bürgerkommune befindet sich die Stadt Herrenberg. Dieses zweite Praxisbeispiel stellte der dortige Oberbürgermeister Thomas Sprißler den anwesenden Kommunalvertretern vor. In einer Bürgerkommune entstehen neue Verantwortungspartnerschaften. Aktive Bürgerbeteiligung gehöre zum festen Bestandteil der Stadtpolitik, Kreativität und Engagement der Bevölkerung seien in seiner Stadt ausdrücklich erwünscht, betonte Sprißler. „Alle sind eingeladen, mitzumachen und Verantwortung zu übernehmen“, so der Herrenberger Oberbürgermeister. Um das Engagement zu unterstützen habe man in seiner Stadt eigens eine Stabsstelle „Bürgerschaftliches Engagement“ etabliert. Für Ideen und Projekte, die von den engagierten Bürgerinnen und Bürgern entwickelt werden, stehen in Herrenberg außerdem in einem sogenannten „Bürgertopf“ auch finanzielle Mittel zur Verfügung, die in den städtischen Haushalt eingestellt wurden. Sprißler unterstrich in seinem Vortrag, dass das gewählte Vorgehen erfolgreich ist: „Die Bürger bringen sich aktiv ein und übernehmen Verantwortung. Auf diese Weise ist ein neues Wir-Gefühl entstanden, die Identifikation mit der eigenen Stadt hat sich deutlich verbessert“. Außerdem, so betonte der Oberbürgermeister, tue der Blick von außen der Verwaltung gut. In Herrenberg werde man den erfolgreichen Weg fortsetzen, stellte Sprißler in Aussicht.

Aktives Bürgerengagement notwendig

In der abschließenden Podiumsrunde diskutierten die Referenten des Tages gemeinsam mit Bürgermeister Harry Brunnet, Vizepräsident des Gemeindetages Baden-Württemberg, Reiner Greve, Stadt Usingen, und Christoph Neumeister von IBM, darüber, welche Rolle die Bürger in der Stadt der Zukunft einnehmen werden. Brunnet stellte heraus, dass es von entscheidender Bedeutung sei, die Bevölkerung bereits zu einem frühen Zeitpunkt aktiv zu beteiligen. Auf diese Weise könne Frustration vorgebeugt werden, die zwangsläufig entstehe, wenn eine Einbeziehung erst zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt von Planungen erfolge. Reiner Greve unterstützte diesen Ansatz und verwies auf das Projekt „Wir gestalten Usingen“. In seiner Stadt entsteht eine Online-Ideenbörse, mit deren Hilfe man die Kreativität und das Wissen der Bürgerschaft zur Gestaltung der Stadt nutzen wolle. Neumeister betonte in diesem Zusammenhang die Potenziale des Internet. Schnelle und unkomplizierte Online-Kommunikation biete die Chance, mehr Menschen zu erreichen und zum Engagement zu bewegen.

Konsens  bestand in der Diskussionsrunde darüber, dass sich Beteiligung nicht auf „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“ reduzieren lasse. Auch waren sich alle Diskutanten darüber einig, dass die Kommunen zwar mehr Beteiligungsangebote machen müssten, es allerdings die Verantwortung der Bürger sei, diese auch effektiv zu nutzen, um die Lebensqualität zu erhöhen und die eigene Heimat als einen lebenswerten Ort zu gestalten. Technische Innovationen würden hierzu in Zukunft einen wichtigen Beitrag leisten und maßgeblich zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen beitragen. Allerdings komme es letztlich entscheidend auf die Menschen vor Ort an, die aufgerufen seien, sich zu engagieren und ihr unmittelbares Lebensumfeld zu gestalten.

© DStGB, Berlin, 04.12.2012