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Kurswechsel in Kooperation - Partnerschaftsmodelle zur Energieerzeugung

Innovators Lounge Bedburg
Kurswechsel in Kooperation - Partnerschaftsmodelle zur Energieerzeugung

Das Szenario ist klar umrissen: Bis zum Jahr 2050 sollen 80 Prozent des Strombedarfs in Deutschland aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Fest steht: Ohne Kommunen keine Energiewende! Aber: Niemand schafft es alleine! Auch Städte und Gemeinden kommen nicht ohne starke Partner aus. Unter Beteiligung ihrer Bürger und in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft entstehen Partnerschaften, die für das Gelingen der Energiewende essentiell sind. Im Rahmen der Innovators Lounge am 10. September im Schloss Bedburg wurde ein solches Kooperationsprojekt zwischen der Stadt Bedburg sowie dem Energieversorger RWE Innogy vorgestellt und diskutiert. Gemeinsam wollen sie einen Windpark in der rheinischen Kommune realisieren.

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Schloss Bedburg
Ein Kurswechsel birgt oftmals sowohl Herausforderungen als auch neue Möglichkeiten. Umsteuern heißt, neue Wege zu suchen – Wagnis und Chance liegen nah beieinander. Deutschland wagt sich und ändert den Kurs: „Energiewende“ ist das Ziel. Der Weg dorthin stellt jedoch alle beteiligten Akteure vor immense Herausforderungen. Klar ist: Es bedarf innovativer Strategien und neuer Lösungsansätze, um die ambitionierten Ziele zu erreichen. Für das Gelingen der Wende befinden sich Städte und Gemeinden in einer Schlüsselposition. Sie stehen einerseits vor der Bewältigung neuer Aufgaben, etwa im Hinblick auf den Aus- und Umbau der Infrastrukturen, die Ansiedlung der regenerativen Energieerzeugung oder aber das Werben um Akzeptanz in der Bevölkerung. Andererseits eröffnet ihnen die Energiewende aber auch zahlreiche neue Chancen: So können sie beispielweise gemeinsam mit Stadtwerken oder großen Energieversorgern selbst zu Energieproduzenten werden.

Bedburg geht voran

Gewählt hat diesen Weg die Stadt Bedburg. In Kooperation mit RWE Innogy wird in Richtung regenerative Energieerzeugung umgesteuert. Der entstehende Windpark „Königshovener Höhe“ in Bedburg ist ein Gemeinschaftsprojekt. Geplant sind circa 20 Windräder der 3,2 MW-Klasse. Die Planungshoheit liegt bei der Stadt Bedburg; RWE Innogy fungiert als Antragsteller und Vorhabenträger. Die beiden Partner planen, gemeinsam eine Gesellschaft zu gründen; die Stadt Bedburg kann sich so mit bis zu 49 Prozent am Windpark beteiligen. Als Gesellschafterin ist die Stadt Miteigentümerin und profitiert neben den Erträgen aus Gewerbesteuer und Wegeentgelt auch durch die Gewinnausschüttung entsprechend ihrer Beteiligung.
Dieses Beteiligungskonzept der RWE lässt sich auch auf andere Anlagenkonzepte, etwa zur Biogasnutzung oder Klärschlammtrocknung, passgenau übertragen. „RWE bietet durch ein eigens für Kommunen entwickeltes Baukasten-Modell vielfältige Beteiligungsmöglichkeiten für Städte und Gemeinden. Höhe und Form der Beteiligung können in diesen „Komm:Part-Modellen“ an die Bedürfnisse der Kommune angepasst werden. Dadurch wird eine flexible Handhabung gewährleistet“, erklärte Dr. Silke Katharina Berger von RWE Deutschland. Bereits mit einer Beteiligung von einem Prozent könne eine Kommune, neben den genannten Erträgen aus Flächen- und Wegepacht sowie der Gewerbesteuer, Beteiligungserträge aus dem Windpark generieren. Auch finanzschwächere Städte und Gemeinden können demzufolge an einem Beteiligungsmodell partizipieren und finanziell profitieren. Garantierte Vergütungen aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz stützten das Ergebnis des Windparks, so Berger. Weiterer Vorteil einer solchen Kooperation sei das in den Planungsprozess eingespeiste ‚Know-How‘. Mit der Expertise der RWE Innogy entstehe ein konkreter Vorschlag für ein maßgeschneidertes Beteiligungsmodell. Da mit dem Ausbau erneuerbarer Energien ebenso ein Ausbau der Netze einhergehe, sei für Städte und Gemeinden die bei RWE Innogy gebündelte Kompetenz zum Netzausbau gleichsam von Vorteil.

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v.l.n.r. Oliver Wagner, Wuppertal Institut, Christoph Marx, RWE, Franz-Reinhard Habbel, DStGB, Gunnar Koerdt, BM Bedburg, Rudolf Graaff, StGB NRW
Ein Engagement der Kommune beim Aufbau dezentraler Energieversorgung heißt in erster Linie: Mitbestimmen dürfen! Das heißt, entscheiden, wo Windenergie, Photovoltaik oder Bioenergie zum Einsatz kommt. Das heißt, unabhängig sein in der lokalen Energieversorgung. Und das heißt nicht zuletzt: Neue, zukunftssichere Arbeitsplätze schaffen, die Wertschöpfung vor Ort erhalten und einen wichtigen Beitrag für den kommunalen Haushalt erwirtschaften. Die Zahl der Beschäftigten im Bereich der Erneuerbaren Energien ist in der Vergangenheit kontinuierlich gestiegen und wird in Zukunft weiter zunehmen, betonte Oliver Wagner vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie. Die größte regionale Wertschöpfung entstehe durch Maßnahmen bei den erneuerbaren Energien. Durch den Betrieb von Anlagen zur regenerativen Stromerzeugung können Kommunen oder ortsansässige Stadtwerke zudem insbesondere finanziell profitieren. Indem die Kommune als Mitgestalter auf dem Strommarkt auftritt, können in Zeiten knapper Kassen wichtige Einnahmen generiert werden. „Den größeren Investitionen zu Beginn stehen erhebliche Beteiligungserträge über die gesamte Projektdauer von 20 Jahren gegenüber. Das strukturelle Defizit im städtischen Etat kann somit ohne Leistungskürzungen oder Schließung von kommunalen Einrichtungen verringert werden“, so Gunnar Koerdt, Bürgermeister der Stadt Bedburg.

Insbesondere Kommunen sind von den steigenden Energiepreisen, die sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt haben, betroffen. Der Wechsel hin zur regenerativen Energieerzeugung vor Ort eröffnet den Kommunen vor diesem Hintergrund entscheidenden Gestaltungs- und Handlungsspielraum. Hinzu kommt das kommunale Engagement in den Bereichen Energieeinsparung und Energieeffizienz, das dazu beitragen kann, die Energiekosten zu begrenzen.

Bürger einbinden und Akzeptanz sichern

Von Bedeutung für die erfolgreiche Planung und Umsetzung derartiger Projektvorhaben ist eine möglichst frühe Einbindung und Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger vor Ort. Um die Bewohner bei lokalen Energiekonzepten mit ins Boot zu holen, ist die Akzeptanz der neu zu errichtenden Anlagen die wichtigste Voraussetzung. Akzeptanz zu schaffen gelingt am ehesten durch die Bereitstellung umfassender Informationen sowie einer Beteiligung an der Erstellung von Klimaschutzprojekten. Auch das Baukasten-Modell von RWE beinhaltet die Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in die jeweiligen Projekte.

Via Anteilsschein ortsansässiger Banken und Sparkassen oder durch Bürgergenossenschaften können Bürger direkt an der Umsetzung des Vorhabens partizipieren. Über das sogenannte „Bürger-Contracting“ kann sich die Bevölkerung beispielsweise über Anteilscheine finanziell an den Investitionen beteiligen. Beispielhafte Projekte, wie etwa der „Klima-Sparbrief“ der Stadt Unna, zeigen, dass das Interesse der Bürger an einer finanziellen Beteiligung groß ist. Innerhalb von zwei Monaten konnte mittels der Klima-Sparbriefe das Investitionsvolumen in Höhe von zehn Millionen Euro aufgebracht werden. Auch die steigende Zahl an, von Bürgern initiierten, Energiegenossenschaften bestätigt, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung steigt, so Rudolf Graaff, Beigeordneter des Städte- und Gemeindebundes Nordrhein-Westfalen. „Wenn man den Bürgern vor Augen führt, dass mit dieser Investitionen mittel- und langfristig der kommunale Haushalt entlastet werden kann und im Umkehrschluss beispielsweise die Sanierung des städtischen Gymnasiums möglich wird oder aber das städtische Freibad erhalten werden kann, sind die Bürger durchaus bereit ihren Anteil zu leisten“, so Oliver Wagner. Es sei entscheidend, den Bürgern diese Verknüpfung der Erträge deutlich zu machen.

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Schloss Bedburg

Aufgabenvielfalt der Kommunen

Städte und Gemeinden müssen im Zuge der Energiewende in vielen Bereichen eine aktive Rolle übernehmen. Kommunen können zukünftig nicht mehr nur als Versorger und Verbraucher, sondern auch als Produzenten von regenerativer Energie in Erscheinung treten. Wagner skizzierte einzelne Aufgabenprofile. Kommunen seien „Verbraucher und Vorbild, Versorger und Anbieter, Planer und Regulierer sowie Berater und Promoter“. „Kommunen nehmen nicht nur im Bereich der Erzeugung und des Ausbaus regenerativer Energien eine Schlüsselposition ein, sondern auch und insbesondere im Bereich der Energieeffizienz, denn die beste Energie ist schließlich die, die wir nicht verbrauchen“, bekräftigte Graaff. Die Potenziale zur Energieeinsparung mittels energieeffizienter Maßnahmen sind dabei hoch. Wagner führte beispielhaft den Bereich der energetischen Sanierung von Gebäuden an. Rund 40 Prozent unserer C0²-Emmissionen entfallen auf Altbauten, so Wagner. Mit einer energetischen Sanierung kann der Bedarf an Energie somit deutlich gesenkt werden. Dies ist nur einer von vielen kommunalen Bereichen, in denen wesentliche Einsparpotentiale geniert werden können.

Um diesem Aufgabenprofil gerecht werden zu können, müssen Kommunen kooperieren – sei es untereinander oder mit externen Partnern. „Eine energieautarke Kommune wird es nicht geben. Die Energiewende gelingt im Verbund“, sagt Wagner. Um die angestrebten Ziele zu erreichen, ist das Engagement aller Akteure notwendig. Energieversorger, Stadtwerke, Unternehmen, Bürgerinnen und Bürger – alle müssen ihren Anteil leisten. Die Energieversorgung in Deutschland im Jahr 2050 wird dezentral, grün und intelligent sein. Auch wenn diese Entwicklungen noch in ihren Anfängen stecken; der Grundstein muss bereits heute vor Ort gelegt werden. Städte und Gemeinden tragen dabei entscheidend zum Erfolg der Energiewende bei.
Das Beispiel in der Stadt Bedburg illustriert, dass ein Kurswechsel gemeinsam mit großen Unternehmen oder Stadtwerken gelingen kann. Auch wenn der Ausbau der Erzeugung erneuerbarer Energien eine Herkulesaufgabe ist: Gemeinsam kann sie gemeistert werden. Für das Manöver „Energiewende“ gilt: Keiner schafft es alleine, die Ziele werden nur im Zusammenwirken aller Beteiligten zu realisieren sein. Umsteuern impliziert Wagnis. In der Veränderung aber liegt die Chance.

(Sandra Strang und Alexander Handschuh)


© DStGB, Berlin, 30.10.2012