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Bildung kommunal gestalten

10. Deutschlandforum
Bildung kommunal gestalten

Welche Bildungsangebote existieren in einer Kommune? Welchen Einfluss können Städte und Gemeinden auf die Bildungspolitik ausüben und wo können sie eigene Akzente setzen? Diese Fragen zeigen nur einen Ausschnitt aus dem Themenspektrum, mit dem sich der vom Deutschen Städte -und Gemeindebund initiierte Innovators Club Mitte November in Berlin befasste.

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Unter dem Motto “Zukunftsaufgabe Bildung – Innovationen und Investitionen für die Generation 2020“ trafen sich am 12. und 13. November die Mitglieder des Innovators Club zu ihrem 10. Deutschlandforum. Die anwesenden Bürgermeister und Landräte diskutierten mit hochkarätigen Referenten die unterschiedlichen Möglichkeiten von Städten und Gemeinden, Einfluss auf die lokale Bildungslandschaft zu nehmen und ihren Teil zu einer Verbesserung des Bildungssystems in Deutschland beizutragen.

Zu Beginn der Tagung am Kurfürstendamm begrüßte Dr. Gerd Landsberg, Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, die Teilnehmer und skizzierte die Herausforderungen, vor denen Deutschland in Bezug auf die Verbesserung der Bildungspolitik steht.

Die offizielle Eröffnung des 10. Deutschlandforums erfolgte durch den Vorsitzenden des Deutschen Beamtenbundes, Peter Heesen. Er stellte die Perspektiven des Berufsbeamtentums in Deutschland dar und machte deutlich, dass aufgrund der demographischen Entwicklung das Thema „Nachwuchsgewinnung“ in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen werde. Es brauche dazu gut ausgebildete und qualifizierte junge Menschen. Außerdem machte er deutlich, dass das gerade verabschiedete Dienstrechtsneuordnungsgesetz zwar keine revolutionäre Änderung bedeute, aber mit vielen Neurungen im Detail eine gute Grundlage für die Weiterentwicklung des öffentlichen Dienstes darstelle.

Seine „Sieben Thesen zur Bildung im Lebenslauf“ erläuterte anschließend Professor Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts, in seinem Impulsreferat und lieferte damit einen theoretischen Einstieg in das Thema. Er machte deutlich, dass es sich bei dem Begriff „Bildung“ um viel mehr als die allgemein darunter verstandene schulische Ausbildung handele. Vor allem die Familie als zentraler Ort der (früh)kindlichen Bildung bleibe in der momentanen Diskussion weitgehend unberücksichtigt. Bildung müsse vielmehr als umfassender „Prozess des Kompetenzerwerbs“, der verschiedene Dimensionen umfasse, verstanden werden. Rauschenbach verdeutlichte, dass sich Bildungsprozesse weder räumlich noch zeitlich oder sozial eingrenzen lassen: „Es sind viele dieser unterschiedlichen Lernwelten vorhanden.“

Bildungspolitik vor Ort sieht Rauschenbach mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Dazu zählen die Schaffung gleicher Startbedingungen für alle Kinder sowie die engere Verzahnung der verschiedenen lokalen Bildungsangebote. Er betonte, dass in den Kommunen eine Gesamtstrategie notwendig sei. Dazu könnten unter anderem die Unterstützung und Stärkung familiärer Bildungsanstrengungen zählen. Hier könnten die Kommunen beispielsweise durch den Aufbau von Familienzentren vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Schichten Unterstützung anbieten. Rauschenbach befürwortete den quantitativen und qualitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung, sprach sich aber gegen eine „Kita-Pflicht“ aus. Keinen Zweifel ließ er daran, dass die Vernetzung aller lokalen Akteure der Schlüssel für die Verbesserung der kommunalen Bildungslandschaft sei.


Unmittelbar aus dem Bundeskanzleramt, wo vormittags gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die Vorstellung des von ihm mitverfassten „Berichts der Wirtschaftsweisen“ stattgefunden hatte, traf Professor Peter Bofinger beim 10. Deutschlandforum ein. Bofinger ist Mitglied des Sachverständigenrates für Wirtschaft der Bundesregierung. In einem kurzen Statement skizzierte er die Sonderstellung Deutschlands: In keinem anderen Land der Europäischen Union gebe es wie hierzulande eine vollkommen dezentralisierte Bildungspolitik. Über die Frage von Zukunftsinvestitionen, vor allem in den Bereich Bildung, fände auf Bundesebene derzeit leider keine Diskussion statt, da sich der Bund dafür nicht zuständig fühle. Bofinger kritisierte zudem, dass sich die öffentliche Diskussion im Zusammenhang mit den öffentlichen Finanzen weitgehend auf die Themen „Steuersenkung“ und „Haushaltskonsolidierung“ beschränke. Die fünf „Wirtschaftsweisen“ hätten in ihrem Jahresgutachten nun der Bundesregierung ein auf fünf Jahre angelegtes Investitionsprogramm in Höhe von 25 Milliarden Euro pro Jahr empfohlen. Im Bereich der Bildungsförderung habe man dabei den Fokus auf die frühkindliche Bildung gelegt, da diese eine „besonders hohe Rendite“ verspreche.

In einer Podiumsrunde diskutierte Bofinger anschließend gemeinsam mit Ulrich Thöne, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Roger Kehle, Geschäftsführender Präsident des Gemeindetages Baden-Württemberg sowie Willi Kaczorowski von Cisco Systems, über die Fragen von Bildungskompetenz und Bildungszuständigkeit. In der Diskussion forderte Kehle die Schaffung von kommunalen Bildungslandschaften mit dem Ziel, ungebrochene Bildungsbiographien zu gewährleisten. Besonders die Schulleiter müssten in Städten und Gemeinden besser vernetzt und den Kommunen ein Mitspracherecht bei der Besetzung dieser Positionen eingeräumt werden. Bofinger betonte hingegen, dass zentrale Bildungsstandards in jedem Fall notwendig seien, um im Falle eines Wohnortwechsels einen problemlosen Übergang von einer Region in eine andere zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang forderte Kaczorowski die Schaffung der dafür notwendigen technischen Infrastruktur, um eine Vernetzung von Personen, Sachthemen und Politikfeldern zu gewährleisten. Als Beispiel nannte er Schottland, wo bereits 3000 Schulen mit Lehrern, Politik und Wirtschaft vernetzt seien. Thöne warnte angesichts des sich abzeichnenden Mangels an Lehrkräften vor einem zunehmenden Wettbewerb unter den Regionen. Diese schädliche Entwicklung habe bereits begonnen und werde sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Außerdem forderte er ebenso wie seine Mitdiskutanten eine engere Vernetzung zwischen schulischer Ausbildung und der Wirtschaft.


Kommunale Handlungsstrategien und erfolgreiche Praxisbeispiele bekamen die Teilnehmer des Innovators Club am zweiten Veranstaltungstag in verschiedenen Kurzvorträgen vorgestellt. Wie eine Stadt mittlerer Größe die Bildungssituation vor Ort verbessern kann stellte Martin Wagener, Bürgermeister von Osterholz-Scharmbeck, dar. Er machte deutlich, dass in seiner Stadt im Bremer Umland der Fokus auf der Unterstützung der Familien liege. Wichtig sei außerdem, die „Augen offen zu halten“, um zu erkennen, welche Schulen in anderen Regionen gute Ergebnisse vorzuweisen haben und diese Ideen dann in der eigenen Kommune zu implementieren.

Mit der Bildungsplattform „Edunex“ von T-Systems werden viele der Ideen, die im Hinblick auf Vernetzung aller Bildungsakteure gefordert werden, bereits umgesetzt. Dass zu einem umfassenden Bildungsansatz nicht nur die Bereitstellung einer geeigneten Software, sondern ein umfassender Ansatz von Hardware bis hin zu speziell zugeschnittenen Angeboten gehört, machte Jörg Woitinek vom Bonner Kommunikationskonzern deutlich. Edunex ist nicht nur für Schüler und Schulen konzipiert, sondern vereint auch die Bildungsangebote von Universitäten, Museen und anderen Bildungsträgern. Nach dem Grundsatz des lebenslangen Lernens richtet sich das Angebot nicht nur an Schüler und Studenten, sondern steht allen Bürgern zur Verfügung.

Ein weiteres Beispiel von erfolgreichem Einsatz von moderner Informationstechnologie im Bildungsbereich lieferte Peter Krakow, Leiter der Kindertagesstätte in Himmelpforten. In diesem Kindergarten im niedersächsischen Landkreis Stade setzt man auf die Bildungsinitiative „Schlaumäuse – Kinder lernen Sprache“ von Microsoft. In dieser speziell auf den Kindergartenbereich zugeschnittenen Bildungssoftware wird die Entfaltung der frühkindlichen Sprachkompetenz spielerisch gefördert. Das Angebot wird von den Kindern begeistert angenommen. Als bemerkenswert stellte Krakow die Tatsache heraus, dass die „Schlaumäuse“ auch die Zusammenarbeit und Kommunikation unter den kleinen Nutzern fördere und die Kinder in kleinen Gruppen die Möglichkeiten gemeinsam ausloteten.

Während der beiden intensiven Veranstaltungstage beschäftigten sich die Experten und Teilnehmer des 10. Deutschlandforums neben den Vorträgen und Diskussionen auch in zwei Arbeitsgruppen intensiv mit der Frage von kommunalen Bildungsinnovationen und den Perspektiven, die IT-unterstützte Bildungsangebote bieten.

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© DStGB, Berlin, 10.03.2011