Die nördlichste Großstadt der EU und Europäische Kulturhauptstadt 2026 liegt mit ihren 200.000 Einwohnern im Westen Finnlands und zeigt, wie das Fahrrad als Verkehrsmittel auch bei Schnee und Kälte genutzt werden kann. Die Grundlage hierfür wurde bereits in den 1970er Jahren gelegt, in dem das Fahrrad als gleichwertiges Verkehrsmittel neben dem Auto gefördert wurde. Mit dem Ziel Radfahren möglichst einfach und komfortabel zu gestalten, gilt auch heute die Priorisierung des Fahrrades als einer der wichtigsten Faktoren für Oulus Ruf als Stadt der „Ganzjahresradfahrer“.
So fahren heute etwa 90 Prozent der Kinder morgens selbst bei minus 20 Grad mit dem Rad zur Schule und auch über 50 Prozent der Erwachsenen nutzen das Fahrrad für den Arbeitsweg. Insgesamt werden im Winter noch 20 Prozent aller Fahrten mit dem Rad erledigt und damit mehr als doppelt so viele wie in Deutschland. Die Stadt verfügt über ein Radwegenetz von mehr als 950 Kilometern, das jährlich wächst. Um ein unterbrechungsfreies Fahren zu ermöglichen, wird in Oulu auf 320 Unterführungen statt auf Kreuzungen gesetzt. Radfahrende können so Strecken von bis zu neun Kilometern zurücklegen, ohne an einer Kreuzung anhalten zu müssen. Dabei sind die Radwege meist baulich von den Straßen für die Autos getrennt, was erheblich zur Sicherheit beiträgt. Zusätzlich bieten sechseinhalb Meter breite „Superhighways“ die Möglichkeit entspannt nebeneinander zu fahren und sich zu unterhalten, wodurch der soziale Aspekt des Fahrradfahrens gefördert wird.
Um auch bei Schneefall mit dem Fahrrad mobil sein zu können, ist vor allem der Winterdienst von großer Bedeutung, der im Bedarfsfall bereits in der Nacht mit seinen Aufgaben beginnt. Dabei ist es nicht das Ziel die Wege komplett vom Schnee zu befreien, sondern diese mit speziell optimierten Fahrzeugen so zu bearbeiten, dass eine harte, raue Schneedecke entsteht, die ein gutes Vorankommen für Zweiräder ermöglicht. Fällt für rund 14 Tage kein neuer Schnee, werden die Wege mit Kies bestreut, um die Bildung einer rutschigen Eisschicht zu verhindern. Die in der Stadt verteilten Wetterstationen ermöglichen eine zielgenaue Planung des Winterdienstes, beispielsweise durch die lasergestützte Messung der Schneehöhe. Die Messdaten lassen sich zudem öffentlich und nahezu in Echtzeit einsehen, sodass sich die Bürgerinnen und Bürger jederzeit über die aktuellen Bedingungen informieren können. Digitale Infotafeln zählen die vorbeikommenden Fahrradfahrenden, können etwa im Katastrophenfall aber auch als Warnsystem für die Bevölkerung verwendet werden.
Spezielle Fahrräder mit breiten Reifen und einem geringen Druck, die sogenannten „Fatbikes“, ermöglichen es, auch in weichem Schnee das zusätzliche Netz an Naturradwegen in der Umgebung von Oulu zu nutzen. Zentral für dieses Konzept ist Oulus Selbstverständnis nicht als isolierte Stadt, sondern als Teil der gesamten Region. Neben der Erkundung der vielfältigen finnischen Landschaften im Umkreis von Oulu bietet das Radwegenetz auch für die touristische Nutzung zahlreiche weitere Möglichkeiten. So gibt es beispielsweise mehrere Themenrouten entlang derer Interessierte an interaktiven Lernstationen mehr über die Geschichte der Stadt erfahren können.

