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„Heute schon an Morgen denken“ - Innovators Club diskutiert in Dresden über die Widerstandsfähigkeit von Kommunen

Innovators Lounge in Dresden
„Heute schon an Morgen denken“ - Innovators Club diskutiert über die Widerstandsfähigkeit von Kommunen

„Heute schon an Morgen denken“: Engagiert wird heute über technischen Innovationen nachgedacht, die das gesellschaftliche Zusammenleben künftig vereinfachen und verbessern können. Während über die positiven Visionen der Zukunft debattiert wird, sollten die negativen Herausforderungen, die eventuell Morgen warten, nicht außer Acht gelassen werden. Das Hochwasser, das Teile Deutschlands kürzlich in Ausnahmezustand versetzte, hat erneut die Bedeutung kommunaler Krisenfestigkeit in den Blick gerückt. Zahlreiche Vertreter von Kommunen und Experten aus Wirtschaft und Politik befassten sich auf einer Veranstaltung des Innovators Club in der Gläsernen Manufaktur in Dresden mit der Krisenfestigkeit von Städten und Gemeinden. Unter der Fragestellung, wie Städte sich auf Krisensituationen vorbereiten können, wurde vor allem der Umgang mit unvorhersehbaren Risiken problematisiert- Außerdem stand die Frage, in welchem Maße IT hier Entscheidungshilfen liefern kann, im Zentrum der Innovators Lounge.

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Christian Schramm, Oberbürgermeister Stadt Bautzen

Kommunen sind immer wieder Ereignissen ausgesetzt, die plötzlich auftreten, die nicht vorhersehbar sind und deren Bewältigung eine immense Herausforderung darstellt. Eskalierende Großveranstaltungen, Naturkatastrophen wie Feuer und Hochwasser, Auswirkungen des Klimawandels oder der Ausfall von zentralen Infrastrukturen gehören zu den möglichen Szenarien. Hier stehen Städte und Gemeinden in der Verantwortung. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben sei es bereits seit frühesten Zeiten, der Bevölkerung Schutz zu gewähren, so der Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Oberbürgermeister Christian Schramm (Bautzen), in seinem Eröffnungsstatement. Allerdings hätten es die Kommunen heute teilweise mit veränderten Bedrohungen zu tun: „Heute stellen der Ausfall der Energieversorgung oder ein Zusammenbruch kritischer Infrastrukturen neue Situationen dar, auf die wir uns einstellen müssen“, so Schramm. Entscheidend sei es, sich auch auf ungewisse Bedrohungsszenarien bestmöglich vorzubereiten. 

Der Umgang mit latenten Unsicherheiten stellt eine große Herausforderung für Städte und Gemeinden dar. Vor diesem Hintergrund müssen Kommunen widerstandsfähiger, beziehungsweise resilienter werden, betonte der Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Franz-Reinhard Habbel, in seinem Statement. Wesentlicher Bestandteil einer Stärkung von Kommunen für Krisensituationen sei ein ganzheitliches Vorgehen und ein gewisses Maß an Flexibilität. Habbel verwies auf die bereits alltäglich gewordenen Vernetzung, die wir überwiegend als Bereicherung empfinden, die in Krisensituationen aber eine zusätzliche Gefahr darstellen könne. Habbel warnte vor einem Domino-Effekt, der bei einem Zusammenbruch der Informations- und Kommunikationstechnologie eintreten könne. Hier müssten entsprechende Vorkehrungen getroffen werden. Sensible Infrastrukturen müssten besonders geschützt werden.


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Prof. Hermann Hill, HfV Speyer

Flexibilität als Bestandteil von Krisenmanagement

„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ – dies gelte nicht nur im Fußball, sondern auch im Umgang mit Krisen, so Professor Hermann Hill von der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Um Krisen wirksam entgegenzutreten, müsse man sich bestmöglich auf potenzielle Katastrophen vorbereiten. Eine zweite Parallele zum Sport sieht er in einer Gemeinsamkeit von Kommunen und Boxern: Beide müssen beweglich sein, um Risiken effizient begegnen zu können. Die Widerstandsfähigkeit von Kommunen in Krisensituationen hängt laut Hill maßgeblich davon ab, ob die kritische Infrastruktur, die die Grundversorgung der Bürger sicherstelle, geschützt ist. Hier müsse ein Frühwarnsystem etabliert werden, das auch schwache, bereits auf eine Krise hindeutende Signale, erkennen könne. Ein derartiges System müsse zudem interoperabel sein, auch kleine Informationen weitergeben und Redundanzen für Systemausfälle vorhalten. Verwaltungen hätten es immer mit Turbulenzen zu tun. Deshalb sei es sehr wichtig, so der Verwaltungswissenschaftlicher Hill, dass Kommunen immer handlungsfähig blieben.

Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen

Auf künftige Krisen vorbereitet zu sein, heißt vor allem aus vergangenen Krisen zu lernen, betonte die Oberbürgermeisterin der Stadt Dresden, Helma Orosz. Sie bezog sich in Ihrem Vortrag vor allem auf das Hochwasser, das in ihrer Stadt schon mehrmals Krisen ausgelöst hat: Das Hochwasser 2013 war bereits die dritte verheerende Flut binnen weniger Jahre. Aus ihrer Erfahrungen schilderte Orosz die wichtigsten Schritte zur Bewältigung einer Krisensituation: Die erste Reaktion auf eine Hochwasserwarnung müsse sein, die Bevölkerung zu informieren und einen Katastrophenstab zu bilden. Ein frühes Reagieren sei enorm wichtig für einen wirksamen Güterschutz. In diesem Bereich hat die Stadt Dresden aus einer vergangenen Krise dazugelernt: Nach dem Jahrhunderthochwasser im Jahr 2001 wurden mobile Hochwassersperren für die Dresdner Altstadt angeschafft, die sich bei der diesjährigen Flut als sehr effektiv erwiesen haben. Auch wenn einer Krisensituation an sich nichts Positives abzugewinnen ist, bezeichnete Orosz das Zusammenstehen der Zivilgesellschaft als ganz wunderbares Phänomen: Zwischen Nachbarn und Freunden habe man mittlerweile ein fast professionelles Zusammenspiel erkennen können, zum einen, was die gegenseitige Hilfe beim Schutz der Häuser anbelangt, aber auch hinsichtlich der Versorgung der Evakuierten mit Essen und Schlafplätzen. Die Notunterkünfte seinen nur von einem Bruchteil der rund 25 000 evakuierten Bürger in Anspruch genommen worden.

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Helma Orosz, Oberbürgermeisterin Stadt Dresden

Lobend äußerte sich die Dresdner Oberbürgermeisterin auch über die Zusammenarbeit mit den tschechischen Behörden, die insbesondere hinsichtlich von Frühwarnung und Informationsaustausch hervorragend funktioniert habe. Bei der Kommunikation zwischen örtlich nebeneinander gelegenen Städten und Gemeinden sieht Orosz hingegen  Verbesserungspotentiale. Maßnahmen und Handlungen flussaufwärts führen flussabwärts zum Teil zu unerwarteten Ergebnissen. Die Oberbürgermeisterin plädierte für eine bessere Vernetzung. Hierbei gelte es vor allem, die Maßnahmepläne, die sich auf Grund immer neuer Daten und deren Analyse durch Experten schnell ändern können, zu aktualisieren und zu kommunizieren.

Social Media als Helfer in der Krise

Auch im Bereich der neuen Medien sieht Orosz noch Handlungsbedarf. Auch wenn die Stadt Dresden das Radio als Kriseninformationsinstrument präferiert und die örtliche Notfallseite im Internet extrem hohe Nutzerquoten hatte, so dürfe ihrer Meinung nach der Interaktionsraum von Social Media nicht unbeachtet werden lassen. Beim letzten Hochwasser haben sich die meisten jungen Helfer über Social Media informiert und organisiert.


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Dieter Ludwig, Vertriebsleiter IBM Deutschland

Auch Dieter Ludwig, Vertriebsleiter bei IBM Deutschland, rückte die Bedeutung digitaler Kommunikation von Menschen und Systemen verstärkt in das Blickfeld der Veranstaltungsteilnehmer: Die Welt werde immer digitaler und vernetzter und Abläufe immer intelligenter. Zudem erforderten das Bevölkerungswachstum, die Existenz von immer mehr Millionenstädten, die Entwicklung des Handels und eine zunehmende Vernetzung der Bevölkerung, dass Städte und Gemeinden zu „Smart Cities“ weiterentwickelt werden. Die Voraussetzungen dafür seien gut: Immer mehr Informationen stehen zur Verfügung. Und für fast jeden Bereich existieren bereits intelligente Systeme, die Informationen verarbeiten und verbreiten können. Allerdings, so Ludwig, fehle ein übergeordnetes System, das alle verfügbaren Informationen sinnvoll aufbereiten könne.

In der abschließenden Diskussionsrunde mit Micha Woitscheck (Geschäftsführer des Sächsischen Städte- und Gemeindetages), Ortwin Neuschwander (Fraunhofer FOKUS) und Kay Hartkopf (IBM) bezweifelte Professor Hill jedoch, dass technische Systeme uns immer auf neuartige Bedrohungen vorbereiten können. Dem entgegnete Kay Hartkopf, dass IT bei bisher unbekannten Problemen vielleicht keine Entscheidung fällen könne, aber dennoch bei der Erkennung und Identifizierung der Problemlage hilfreich sei.


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Diskussionsrunde mit Ortwin Neuschwander, Kay Hartkopf, Prof. Hermann Hill und Mischa Woitscheck (v.l.n.r.)

IT-Lösungen für Krisensituationen

Auf die Frage von Christine Eismann vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, wie Informationen aufbereitet und zur Unterstützung verwendet werden könnten, antwortete Kay Hartkopf, dass die Last der Entscheidung nach wie vor beim Nutzer, also den Kommunen, liege. Die Aufgabe von IT sei es, Daten in einen Gesamtkontext zu setzen und Programme so zu designen, dass der Nutzer auf Grund der Auswahl von Informationen nur die wirklich relevanten Entscheidungen treffen müsse. Einig waren sich Hill und Hartkopf darin, dass künftig die Services im Zentrum stehen würden. Um in den Verwaltungen Akzeptanz für IT-Lösungen zu schaffen, seien intuitive Oberflächen für den Nutzer von großer Relevanz. Hill stellte jedoch fest, dass die Entwicklung von E-Kompetenzen in Verwaltungen nach wie vor eine große Herausforderung darstelle.

Die Bedeutung technischer Lösungen sieht Ortwin Neuschwander in der Tatsache, dass die Informationsflut stetig zunehme. Im Auftrag von Versicherungen und Sparkassen sei deshalb das System „Katwarn“ vom Frauenhofer Institut entwickelt worden. Das Warnsystem informiert den Bürger sowohl zu Hause als auch unterwegs über Gefahren und gibt Hinweise, wie der Bürger sich in der jeweiligen Krisensituation bestenfalls verhalten sollte. Pro Gebiet einer Katastrophenschutzbehörde, also einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt, liegen die Anschaffungskosten für „Katwarn“ bei 15.000 Euro; jährlich sind dann weitere 3.000 Euro zu entrichten. Kay Hartkopf stellte fest, dass „Katwarn“ genau die in Krisensituationen erforderliche Resilienz und Redundanz von Systemen schaffe. In Krisensituationen, so kommentierte Prof. Hill, komme es jedoch auch darauf an, dass die Zuständigkeit gewahrt bleibe und die verbreiteten Informationen auch autorisiert seien. Dies, so Neuschwander, werde bei Katwarn dadurch gewährleistet, dass ein Codesystem sicherstelle, dass der jeweilige Bürgermeister die Warnungen abgesegnet hat.

Technik für die Menschen

Technische Lösungen sind nie abseits und unabhängig von den Menschen denkbar, für die die Systeme gedacht sind. Ein Oberbürgermeister aus dem Plenum warf die Frage auf, wie bei Katastrophen mit freiwilligen Helfern aus der Bevölkerung umzugehen sei. Die „Schwarmintelligenz des Internets“ sollte auch künftig genutzt werden, argumentierte Woitscheck: Allerdings müsse die Hilfsbereitschaft vor Ort gelenkt werden; den Freiwilligen müsse auch ein Profi zur Seite stehen, der zum Beispiel über das Know-How zur Deichreparatur verfügt. Die Technik nutzbar zu machen und damit Leben und Infrastruktur zu schützen, ist eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, so wurde auf der Veranstaltung des Innovators Club immer wieder betont, dass auch die beste technische Innovation nichts nützt, wenn sie nicht für den Menschen und vor allem auch im Sinne der Menschen arbeitet.

© DStGB, Berlin, 04.11.2013